Kampen für alle

Eine kulinarische Momentaufnahme

Von Ralf Bos

Es ist schwer zu sagen warum es passiert ist, aber es ist passiert. Kampen hat sich irgendwie zum elitären Treffpunkt der Reichen, der Superreichen und der ganz Schönen gemausert. Das weiß jeder. Kampen ist nichts für Otto Normalverbraucher. Wenn man ohne Bentley Cabriolet die Whisky-Straße entlang fährt, wird man von den Kampener Gästen schon mitleidig angeschaut und die Gastronomen wollen so einfache Leute in ihren, sicher sehr feudalen und bestimmt sündhaft teuren Restaurants gar nicht haben. Man kann sich die Häuser mit ihren Juwelier- und  Modegeschäften natürlich gerne mal auf der Passage von Westerland nach List aus dem Auto- oder Busfenster anschauen oder mit dem Fahrrad mal die perfekten Radwege des Luxusortes abradeln. Aber ab- oder aussteigen ist in Kampen nicht drin. Das ist nichts für Leute wie uns.

 

Um das gleich am Anfang klar zu stellen, wir reden hier nicht über Tatsachen, wir reden hier über Vorurteile.

 

Der Kern dieser Vorurteile liegt sicher im Kern des Dorfes. Das Gogärtchen, Gretas Rauchfang und das Pony galten, vielleicht auch nicht zu Unrecht, viele Jahrzehnte lang als geheimer Treffpunkt ausgesuchter Spitzen des Geldadels. Auch die Buhne 16, in der die Gäste ohne Hose aber im Strickpullover herumliefen und Curd Jürgens sich mit Gunter Sachs die Bälle und die Mädels zuwarf, feuerte den Jet-Set Ruf von Kampen an.

An den Rändern des Dorfes war man seit jeher ein wenig milder. Das Restaurant Vogelkoje, im Norden von Kampen, lockte auch in den Zeiten des Dünkels schon Scharen von nicht-Kampener Gästen in seinen wunderbaren Kaffeegarten und den künstlerisch eingerichteten Gastraum. Kein Wunder. Egal ob es das überaus üppige Frühstück, das Mittagessen mit deftigen Kojen-Broten und den Klassikern der Speisenkarte, der himmlischen Auswahl an Blechkuchen zum Kaffee oder das klassische Dinner war, es wurde hochwertig und trotzdem preisbewusst aufgetischt. Die Vogelkoje ist und war immer eine sichere Bank für gutes Essen. Die Distanz von fast vier Kilometern zum Zentrum von Kampen, dem sogenannten Frankfurter Kreuz, sorgte dafür, dass man die Scheu vor Kampen fast komplett verlor.

 

Auch an der Wattseite, an der in den fünfziger Jahren der Garten das Restaurant Kupferkanne eröffnet wurde, hat die Schönheit der Natur schon recht früh die Scheu der Sylt-Touristen besiegt. Der spektakuläre Kaffeegarten in dem die Bäume, die der Orkan Anatoll 1999 entwurzelte, kopfüber, also mit den Wurzeln nach oben, wieder eingegraben wurden, hat nicht zuletzt auch dadurch eine fast mystische Stimmung; und wer bei gutem Wetter einen Platz gefunden hat, kann sich auf einen wundervollen Nachmittag bei phantastischem Kuchen zum Kaffee und einer atemberaubenden Aussicht freuen. Die Kupferkanne hat aber noch weitere unschlagbare Vorteile. Durch seine geografische Lage im Zentrum der Insel und direkt am Wattenmeer ist sie von fast überall her, das perfekte Ausflugsziel. Egal ob mit dem Rad oder mit dem Auto. Zudem hat man mit einem Ausflug zur Kupferkanne auch eine gewisse Legitimation, sich mal die Reetdachhäuser und Gärten der superreichen Ferienhausbesitzer in Kampen aus der Nähe anzuschauen.

 

Seltsamerweise hat ein wirklich guter und findiger Gastronom es auch geschafft, den Ortsanfang von Süden (Wenningstedt) für den Durchschnittstouristen attraktiv zu machen. Seltsamerweise deshalb, weil sein Restaurant zwar das erste Restaurant ist das einem ins Auge fällt, wenn man aus dem Süden der Insel kommt, es aber dennoch direkt an der Hauptkreuzung liegt, also am Frankfurter Kreuz.

 

Es handelt sich um das Restaurant Manne Pahl. Der Betreiber, Pius Regli, hat es seit der Übernahme, vor 30 Jahren, geschafft, den Schicki Micki draußen zu lassen. Das heißt nicht, dass die Reichen und Berühmten nicht im Manne Pahl essen. Ganz im Gegenteil, sie essen sogar gerne und oft im Manne Pahl, aber sie werden hier nicht bevorzugt behandelt. Pius Regli schafft es nicht nur alle Gäste gleich zu behandeln, sondern lebt es seinen Mitarbeitern auch vor. Obwohl Pius so ein Tausendsassa ist, der neben seinem Restaurant noch Pius Weinbar in Keitum und einige Dependancen auf dem Festland führt, ist er dennoch fast jeden Tag in seinem Restaurant. Er begrüßt die Gäste, empfiehlt Weine und Speisen, nimmt die Garderobe ab, hilft dem Service und sorgt für gute Stimmung. Und wenn er mal nicht da sein sollte, übernimmt seine reizende und charmante Tochter Sarah seinen Job mit der gleichen Empathie. Und wie sagt man so schön: Wenn die Kirche voll ist, liegt es am Pastor.

 

Die Küche im Manne Pahl ist genau so bodenständig, aber auch genau so raffiniert wie der Wirt selber. Er hat schon sehr früh gelernt, dass es einen Unterschied zwischen gut schmecken und gut anhören gibt. In seiner Karte spiegelt sich das wider. Dort findet man eher eine gute Kalbsfrikadelle als eine Chartreuse von der Taubenbrust. Die Speisen sind immer ehrlich und fair kalkuliert und überaus schmackhaft; und sehr zum Leidwesen der Köche macht das Manne Pahl auch noch das beste Wiener Schnitzel auf der Insel. Dieses erfreut sich einer solchen Beliebtheit, dass es den Köchen in der Küche manchmal schon langweilig wird und sie sich wünschen, dass die Gäste auch mal die anderen Kreationen auf der Karte bestellen.

 

Bis vor einigen Monaten war auch der Dorfkrug in Kampen ein gut besuchtes und über Jahrzehnte lang gut geführtes Restaurant. Leider konnte Muffel Werner Stoltenberg, der Wirt des Dorfkrugs und der Verpächter sich nicht über eine Verlängerung des Mietvertrags einigen. So kam es, dass der Dorfkrug und das dazugehörige Wiin Köv kurzerhand geschlossen wurden.

 

Auch Jensens Tafelfreude auf der rechten Seite, etwas verdeckt gelegen, wenn man von Süden kommt, bot dem Pächter Dieter Jensen keine lukrative Zukunftsaussicht; sodass auch er sein Haus verlies.

 

Dieter Jensen und Beate Stoltenberg, die Ehefrau von Muffel Werner Stoltenberg aus dem Dorfkrug, taten sich zusammen und eröffneten das Kaamp Meren. Das ist friesisch und bedeutet auf Hochdeutsch Kampen Mitte. Kampen Mitte ist im Übrigen genau die Stelle, die ich so gerne als Frankfurter Kreuz bezeichne. Dort ist auch eine Bushaltestelle vor dem Kamphuus, und in diesem Kamphuus ist das Restaurant Kaamp Meren.  Dieses schicke und moderne Restaurant lockt nicht nur die Gäste, die auf den Bus nach List warten an, aber durch diesen Umstand haben schon viele Gäste das Kaamp Meren kennengelernt. Durchgehend warme Küche und ein ausgezeichnetes Kuchenangebot laden zum Bleiben ein, und die Speisenkarte ist mal wirklich crossover. Man findet hier natürlich die Klassiker aus Jensens Tafelfreuden wie die unwiderstehliche Thai Currysuppe genau so selbstverständlich wie das Roastbeef mit den legendären Bratkartoffeln des Dorfkrug wieder. Die Stammgäste beider Lokale sind sehr dankbar für diese neue Konstellation. Und auch auf Muffel braucht man nicht gänzlich zu verzichten. Er berät das Kaamp Meren Team im Hintergrund und freut sich, dass er Kampen auf dieser Art treu bleiben kann.

 

Gegenüber vom Kamphuus führt der Strönwai, die sogenannte Whisky-Straße, in Richtung Strand und Kliffkante. Auf dem Strönwai sind zwei Restaurants ansässig, die Legende sind. Zuerst einmal das Gogärtchen, das eigentliche Sinnbild der Kampener High-Society Gastronomie.

Rolf Seiche war über Jahrzehnte der Promiwirt schlechthin. Er nutze auch wirklich jede Gelegenheit diesen Status zu unterstreichen und ihn der Welt kund zu tun. Das brachte dem Gogärtchen große Popularität und die Möglichkeit horrende Preise zu nehmen; und in den Monaten Juni, Juli und August auch gutes Geld zu verdienen. Doch das reicht nicht. Die gesetzlichen Verpflichtungen, der Kündigungsschutz, die Versicherungen, die erhebliche Pacht und die Nebenkosten wie Strom, Wasser sowie Haus- und Gartenpersonal wollen auch in den kalten Monaten bezahlt werden und die Vorgaben werden und wurden von Jahr zu Jahr größer und komplexer. Im Falle „Gogärtchen“ endete das mit einer kapitalen Insolvenz. Diese stieß nicht nur Rolf Seiche vom Thron, sondern versetzte auch die Mitbewerber in Aufregung, die eine ähnliche Gästekultur pflegten wie das Gogärtchen.

 

Die Insolvenz des Gogärtchen zog einen Pächterwechsel nach sich, wie er besser und zeitgemäßer nicht sein konnte. Florian Hühne, der schon in der Sturmhaube für positive Aufmerksamkeit gesorgt hatte, hat die Zeichen der Zeit nicht nur verstanden, sondern perfekt umgesetzt. Während in früheren Zeiten das Gogärtchen nur mit einer versnobten Promi Clique  in Verbindung gebracht wurde und die teilweise sehr ordentliche Küchenleistung immer hinter der Selbstdarstellung des Rolf Seiche verblasste, wird heute beim Gogärtchen eigentlich nur über die frische und lebendige Gastgeberschaft und in erster Linie über das gute Essen des hochtalentierten Küchenchefs Sven Karge gesprochen. In wirklich extrem kurzer Zeit wurde aus dem, mit ziemlich viel Gourmetgehabe, angestaubten Restaurant eine trendige, frische und größtenteils regionale Küche, die zu 100 Prozent zeitgemäß und wirklich gut ist. Der Funke ist auch bei den Gästen übergesprungen. Auch wenn das Gogärtchen noch ein wenig unter den mangelnden Badegästen im Kampener Spätherbst und Winter leidet, ist die Zeit in denen Rolf Seiche mutterseelenallein an seiner opulenten Rundbar saß längst Geschichte. Im Sommer ist das Gogärtchen top gebucht und außerhalb der Hauptsaison gut besucht. Immer mehr mausert sich das Gogärtchen zu einem kulinarischen Hotspot der Insel, den man mindestens einmal in seinem Urlaub besucht haben muss, so, wie es die Sansibar und Gosch bereits seit vielen Jahren geschafft haben.

 

Auf der anderen Straßenseite, im Rauchfang, geht man die Sache etwas langsamer an. Jedem und besonders ihrem Nachfolger ist klar, dass der Abgang von Greta Arjes, nach fast vier Jahrzehnten persönlichster Gastronomie, ein Lücke hinterlässt, die man nicht ausfüllen kann. Greta war Vollblutgastronomin und kannte fast jeden ihrer Gäste persönlich und beim Namen. Wer zweimal Gast in Gretas Rauchfang war, hatte eine gute Chance von Greta wiedererkannt und in ein Gespräch verwickelt zu werden. Beim dritten Besuch wusste sie bereits welchen Aperitif der Gast  bevorzugt. Und wenn man interessant genug war, konnte es passieren, dass man alsbald zum Freundeskreis von Greta gehörte. Interessant musste man sein, um Gretas Aufmerksamkeit zu erhaschen; und tatsächlich sind und waren es die wirklich erfolgreichen Menschen, die Geschichten zu erzählen wussten, die Greta fesselten. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich Gretas Freundeskreis immer mehr und immer mehr aus den wirklichen Größen der nationalen und internationalen Szene rekrutierte. Zum Ende der Ära Gretas Rauchfang saß manchmal der komplette deutsche Geldadel in ihrem Restaurant.

Greta musste nicht gehen, wie Rolf Seiche.  Sie hat nach einem erfüllten Arbeitsleben einfach einen Schlussstrich gezogen und ihr Restaurant in jüngere Hände übergeben.

 

Und jetzt stehen sie da, charmante junge Leute um den neuen Betreiber Björn Berg herum, die wissen, was der Gast im Rauchfang sucht und genau so wissen sie, dass es das nicht mehr gibt. Also versucht man auch hier mit anderen Trümpfen zu stechen.  Gute Küche und dezenter Charme sollen den, um Greta trauernden Gästen wieder ein Zuhause geben. Aber gerade an diesen dezenten Charme muss man sich gewöhnen. Man kann ihnen hierzu nur viel Glück und viel Ausdauer wünschen; und ein dickes Fell. Sie haben eine Institution geerbt, und es ist unglaublich anstrengend Tag für Tag Gespräche führen zu müssen, bei denen es darum geht, dass bei Greta doch alles viel besser war. Unabhängig davon, ob es das war oder nicht. So ist es nun mal, wenn man eine Institution erbt. Die Motivation und der Charakter von Björn und seinem Team lassen das auf jeden Fall zu. Auch die Tatsache, dass Björn vor der Übernahme bereits etliche Jahre auf der Whisky-Straße gearbeitet hat und hier kein ganz Fremder ist, erleichterten den Start ungemein. Jetzt ist auch der Rauchfang fast ganzjährig geöffnet und trägt damit nicht unmaßgeblich zum neuen Image von Kampen bei.

 

Eine weitere Institution in Kampen ist die Sturmhaube. Sie hat die wohl spektakulärste Lage und Aussicht auf der ganzen Insel. Direkt am Roten Kliff gelegen hat diese Immobilie eine solch wechselhafte Geschichte, wie kaum eine andere Immobilie auf der Insel. Immer wieder wechselte diese traumhafte Immobilie den Betreiber und immer wieder bemerkte man, in einem überschaubaren Zeitfenster, dass die Sommermonate zum Geldverdienen für das ganze Jahr nicht ausreichen. Dann wechselte nach zwei oder drei Jahren wieder der Betreiber und mit neuem Elan wurde erst mal eine Unsumme an Investitionen in ein neues Ambiente mit neuem, anderen Holz und ein Küche mit neuer Technik investiert, um nach zwei oder drei Jahren festzustellen, dass der Vorgänger es genau so gemacht hat und dass man es wieder nur geschafft hat, im Sommer Gäste in die Sturmhaube zu locken. Dann wurde die Immobilie wieder neu verpachtet, und die neuen Pächter wiederholten gebetsmühlenartig die Fehler der Vorbesitzer. Fette Investitionen, ein sehr starkes Sommergeschäft und ein viel zu schwaches Wintergeschäft. Und das Ganze wieder von Vorne. Einheimische konnten immer nur den Kopf über so viel Ignoranz schütteln. Ihnen war klar, dass die edlen Hölzer und das piekfeine Ambiente der Sturmhaube die Reichen und die Schönen anlockten, aber die sind nur im Sommer da. Ihnen war auch klar, dass die Sturmhaube nur funktionieren kann, wenn sie ein Platz für Jedermann wird, und das funktioniert nicht mit Marmor und Ebenholz.

Florian, der heutige Betreiber des Gogärtchen, brachte die Sturmhaube bereits auf die richtige Spur, und nicht wenige Gäste behaupten, dass die Zeit unter Florian die beste Zeit der Sturmhaube war.

 

Heute versucht man in der Sturmhaube das, was man einen Ritt auf der Rasierklinge nennt. Drei gastronomische Konzepte unter einem Dach. Ein fine dining Restaurant, ein bürgerliches Restaurant und ein großer, wetterfester Außenbereich der sich dem Thema Barbecue unterworfen hat. Immer wieder stattfindende Specials wie der Endlos-Sonntagsbraten für 19,50 Euro oder günstige Themen-Buffets rund um das Steak locken neues Klientel; und wenn man es genau nimmt, ist das Konzept des aktuellen Betreibers, der Laggner Gruppe, denen auf dem Festland eine Vielzahl von Luther und Wegner Restaurants, Brauhäuser und Biergärten gehören, absolut schlüssig. Das Einzige das den langfristigen Erfolg dieses Konzepts verhindern kann, ist ein auf der ganzen Insel bekanntes, jedoch in der Sturmhaube manchmal eklatantes Problem - vernünftiges Personal zu finden. Ich sitze seit fast vierzig Jahren regelmäßig in der Sturmhaube und liebe und genieße die spektakuläre Aussicht dort, aber was mir in diesen Jahren jedoch dort an unfassbar schlechtem Service widerfahren ist, würde reichen ein Buch zu füllen. Wenn man es lesen würde, könnte man glauben, dem Autor ist die Phantasie durchgegangen.

 

Aber das ist Schnee von gestern. Heute blicken wir auf die neue Sturmhaube mit schnittigem Konzept, mit dem man den Winter überstehen kann und mit der Hoffnung, dass sich alles so ereignet wie gewünscht und  das die Personalauswahl ein wenig glücklicher ist, als sie es bei den Vorgängern oft war.

Wenige Meter von der Sturmhaube entfernt ist das direkt unten am Strand liegende Restaurant La Grande Plage.  Grand Plage bedeutet großer Strand und nicht, wie ich es oft von Unwissenden höre, die große Plage. Aber dieses Wortspiel lässt schon erahnen, dass das La Grande Plage eine große Vermengung von Missverständnissen ist. Ich kenne das La Grande Plage bereits seit zehn Jahren und Manni Hermann, der Gastgeber im La Grande Plage gab mir hin und wieder die Möglichkeit ein paar private Worte mit ihm zu wechseln. Meine Sicht auf die Gastronomie ist ziemlich klar definiert. Beste Produkte, bester Service, große Erlebnisse im Glas und auf dem Teller und ein passendes Wohlfühlambiente. Zu guter Letzt: Tue Gutes und spreche darüber.

Für mich ist Bekanntheit ein Teil des gastronomischen Erfolgs, und nicht zuletzt deswegen kann ich mich mit den Konzepten der Sansibar, des Restaurant Seepferdchen und von Wonnemeyer identifizieren. Bekannte Sylter Restaurants in spektakulärer Strandlage. Das La Grande Plage besitzt eine nicht minder spektakuläre Lage, jedoch ein Konzept, dass man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen muss.

 

Keine Persönlichkeit repräsentiert das La Grande Plage, sondern das La Grande Plage Team. Dieses Team heißt einem, nach einem Strandspaziergang, willkommen. Bei schönem Wetter auf der sonnendurchfluteten Terrasse und bei schlechtem Wetter im kuschlig warmen, jedoch ziemlich kleinen Innenraum. Dort angekommen kannst du, wenn du Durst hast, etwas trinken und wenn du Hunger hast, etwas essen. Keine Supersylt-Spezialitäten, keine Deichlammkrone oder so was. Nein, einen Becher Milchreis vielleicht? Oder eine Dorade? Völlig entspannt reagiert man auf Hunger, Durst und den Wunsch nach ein wenig Erholung. Ein Konzept das keine negativen Seiten hat, nur völlig ungewohnt ist. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ein Fan werde. Ich bin mir aber sicher, dass es den Nerv vieler Badegäste auch außerhalb der Saison trifft. Zudem kommt hinzu, dass die intakte Strandsauna einen guten Grund abgibt, das La Grand Plage einmal zu besuchen.

 

Auf der anderen Seite des Frankfurter Kreuz oder des Kaamp Meren, wie es richtig heißt, findet man noch ein Restaurant dessen Besuch sich lohnt. Es ist das Restaurant Kampener Pesel, das auch schon mal Der Österreicher und auch Strünker’s hieß. Der jetzige Betreiber ist René Richter. Ein Fachmann durch und durch. Die Kulinarik geht bei ihm über das Produkt und das Produkt ist ihm genauso wichtig, wie das Wissen darüber. Er weiß zu allem eine Geschichte zu erzählen. Warum er diese Butter zu diesem Brot wählte, welchen Fisch er am liebsten wie behandelt, warum der den besonderen Cut dieses Fleisches bei anderem Fleisch nicht anwenden würde und warum das andere Fleisch sich besonders gut für Tartar eignet. Alles Wissen ist fundiert und fachlich richtig angewandt. Ich weiß, dass viele Gäste solche Infos lieben und sie genau so wie den Wein und die Speisen in sich aufsaugen. Ich bin selbst so ein Rezeptions-Rhetoriker oder Erklär-Bär, wie man auf Deutsch zu sagen pflegt. Deshalb weiß ich auch aus Erfahrung, dass man mit zu viel Infos manche Gäste auch überfordert. Aber eigentlich lieben die Gäste den Kampener Pesel. Die Qualität ist überdurchschnittlich, die Preise sind hoch, aber nicht überteuert und eigentlich stehen die Zeichen auf Kontinuität, so, dass wir davon ausgehen können, dass er seinen Namen dieses Mal für lange Zeit behalten darf.

Noch drei weitere gastronomische Empfehlungen stehen auf meiner Liste.

 

Das ist zum einen ein recht neuer Italiener namens Il Ristorante, der sich schon in kurzer Zeit einen guten Ruf erarbeitet und tatsächlich einen weiteren Farbakzent in die kulinarische Landschaft Kampens gesetzt hat. In den Räumen des ehemaligen Jensens Tafelfreuden kocht er erst seit kurzer Zeit und schon regnet es positive Resonanzen. Hier steht die mediterrane Küche im Fokus und der Chef, Antonio Kabbani hat diese Küche bereits mit der Muttermilch aufsaugen können. Er ist in Italien geboren und hatte bereits vor zehn Jahren schon mal ein italienisches Restaurant mit dem gleichen Namen in Kampen auf dem Sjipway im ehemaligen Karlchen und zwischendurch auch einmal in Westerland und in Rantum, in der Sylt Quelle.

Die beiden letzten sind echte Kampener Urgesteine.

 

Zum einen Dieter Gärtner der ebenfalls am Frankfurter Kreuz das Henry’s Gourmet Eck führt, das in früheren Jahren etwas weiter nördlich auf der anderen Straßenseite angesiedelt war und Gourmet Boutique hieß. Zum anderen mein Freund Detlef Tappe, der mit seinem Hotel Walters Hof nicht unmaßgeblich zur Entwicklung von Kampen beigetragen hat. Beide haben die wirklich guten Zeiten von Kampen noch voll miterlebt. Das waren die Zeiten, wo Geld noch keine Rolle spielte und der Champagner noch in Strömen floss. Beide haben sich in dieser Zeit auch unabhängig machen können und Detlef führt noch immer mit strenger Hand das opulente und dennoch charmant zurückhaltende Hotel Walters Hof, kurz vor den Klippen der Nordsee in Kampen, und auch sein Restaurant namens Tappes Restaurant erinnert manchmal wehmütig an diese Zeiten. Aber Detlef weint diesen Zeiten nur gelegentlich nach. Im täglichen Leben kämpfte er für den Fortbestand der Kulinarik auf der Insel, indem er Foodfestivals und Schlemmersafaris organisierte, die die Gäste auch in seinem Restaurant genießen konnten und zum Staunen brachten.

 

Dieter Gärtner hingegen musste schmerzlich lernen, dass so ein Umzug auf die andere Straßenseite dramatische Folgen haben kann. Während die alte Gourmet Boutique immer ein gut gefüllter Treffpunkt Kampener Gäste war, bei dem man es auch gerne mal so richtig knallen ließ, hatte das neue Henry’s Gourmet Eck am Anfang einen eher holprigen Start. Irgendwie schien es, dass die Gäste die Einfachheit der alten Gourmet Boutique genossen haben und die luxuriöse Einrichtung des Henry’s Gourmet Eck als eher langweilig empfanden. Aber Dieter ist ein Kämpfer, er lässt sich von so was nicht ins Bockshorn jagen. Er kämpft mit gutem Essen und wirklich ambitionierter Küche, um seinen alten Status zurück zu erobern, und nach und nach wurde auch Henry’s Gourmet Eck zum Place to go.

 

Eher skurril ist die Geschichte die sich um Buhne 16 rankt. Wenn man die alten Geschichten der Buhne 16 hört, bei denen es immer um Champagner, wilde Partys und Superreiche geht, dann erwartet man beim ersten Besuch der Gastronomie in den Dünen vor der Buhne 16 eine glitzernde Welt aus raffinierter Architektur, wie man sie aus Monaco oder St. Tropez kennt. Wenn man die Dünen jedoch erklommen hat, dann steht da so was wie ein etwas marodes Büdchen oder Kiosk und nicht nur einmal wurden die Betreiber Sven und Tim Behrens von Touristen gefragt, wo es denn hier zur Buhne 16 geht. Und mit süffisantem Lachen eröffnen sie den verdatterten Gästen dann: Das ist die Buhne 16. Sie haben den Hype, der um die Buhne 16 gemacht wurde noch nie verstanden. Vielmehr fördern sie die lässige Gästekultur, die entspannte Stimmung an einem der schönsten Plätze der Insel entstehen lässt, mit charmanter Bistroküche und einer ordentlichen Portion guter Laune und 0 Prozent Dünkel.

 

Wenn ich jetzt meine Zeilen lese, glaube ich, dass ich der Kampener Gastronomie gegenüber nicht den Respekt verringert, aber vielleicht ein wenig die Angst vor ihr genommen habe. Ich bin mir sicher, dass Kampen eine kulinarische Reise wert ist, und dass man etwas verpasst, wenn man einen Bogen um die Gastronomie des exklusiven Inselkerns macht.

 

Ansonsten wünsche ich Ihnen allzeit schönes Wetter und immer `ne Handbreit Champus unterm Kiel,